Verfasst von: silbersturm | Januar 14, 2009

Die Denkerin

Ich könnte sie schütteln, aber das würde nichts ändern. Nichts, nichts, nichts.

Sie ist überzeugt von sich. Reckt sich, streckt sich und dreht sich um ihre eigene Achse. Die Kluge, die Schöne, die Denkerin. Du Arme, denke ich manchmal bei mir. Du Arme, sitzst einsam auf deiner Insel und merkst nicht, das die Grashalme, die sich im Wind biegen, nicht dein Gefolge sind, das sich vor dir verneigt.

Regelmässig besteigst sie deinen Thron und hälst eine Volksrede, überzeugt davon, dass es ein bürgerlicher Thron ist, deine Stimme volksnah geschult. Wirft jemand ein: Verzeiht Prinzessin, aber mir scheint, sie haben diesen Aspekt etwas überintepretiert. Hebt sie ihr Zepter und beginnt geduldig in kreisenden Sätzen ihre Rede von Neuem, dieses Mal vom Ende bis zum Anfangs erzählt, dann von rechts nach links gezogen und zur Sicherheit noch mal eingekreist.

Sie kennt kein Interesse an anderen Menschen, weil sie nicht weiß, dass es andere Menschen gibt. Das stimmt nicht ganz, denn sie weiß, es gibt das Gefolge, die Stiefschwestern, die neidverbrämmt ihr ihre Schönheit mißgönnen. Sie ahnt nicht, dass man mit Worten Gefühle teilen kann.

Nachts wird sie unruhig und still, denn ihr Unterbewußtsein fühlt, dass ihr etwas entgeht – dann rückt sie im Traum ihren Thron zurecht. Hält ihre Volksrede und verlängert sie. Auf das mit den Wörten, die sie ins Universum schickt, ihre Lehre, ihre Weisheit sich weiterträgt. Atemlos.


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